[Solo] „Es ist nur ein Job“ – Dein wichtigstes Schutzschild

Shownotes

Frau Szabó, denken Sie daran: Es ist nur ein Job.“ Als Annettes Chef diesen Satz zu ihr sagte, fühlte es sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Heute weiß sie: Es war das wichtigste Learning ihrer Karriere.

In dieser Solo-Folge spricht Annette über die gefährliche Falle der „Berufung“ im Gesundheitswesen und warum wir lernen müssen, den Job wieder als das zu sehen, was er ist: eine professionelle Zweckgemeinschaft.

In dieser Folge erfährst du:

Warum „Hingabe“ oft direkt ins Burnout führt.

Den entscheidenden Unterschied zwischen privater Emotion und beruflicher Sachlichkeit.

Warum professionelle Distanz keine Herzlosigkeit ist, sondern die Voraussetzung, um langfristig helfen zu können.

Wie dir die Erkenntnis „Es ist nur ein Job“ die Freiheit zurückgibt, mutig zu gestalten.

Ein ehrlicher Impuls für alle, die im System arbeiten und wieder mehr Gelassenheit und Selbstbestimmung suchen.

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00:00:00: Intro Annette: „Es ist nur ein Job.“ Diesen Satz hat mal ein Chef zu mir gesagt. Damals hat mich dieser Satz ganz tief verletzt. Heute weiß ich: Er ist vielleicht das wichtigste Learning meiner bisherigen Karriere. Willkommen im Club der Gestalter! Ich bin Annette Szabó und heute teile ich mit euch, warum dieser eine Satz mein Rettungsanker wurde und wie er vielleicht auch eure Sicht auf die Arbeit im Gesundheitswesen verändern kann. Kurz, persönlich und direkt aus dem Leben. Viel Spaß beim Reinhören! Das alles gibt es gleich, aber jetzt starten wir erst mal richtig los. Musik) Annette: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Ein Satz, den wirklich jeder im Gesundheitswesen schon mal gehört hat und der nur eins bedeutet: Stillstand. Aber wir wollen nicht mehr einfach nur funktionieren und Opfer des Systems sein. Deshalb schmeißen wir hier im Club der Gestalter alte Muster einfach aus dem Fenster. Hier geht es ums Anpacken, ums Verändern – für dich, dein Team und deine Patienten, damit der Job wieder Spaß macht und nicht nur Nerven kostet. Ich bin Annette Szabó und nun wünsche ich dir ganz viel Spaß bei dieser Folge.

00:01:34: Die Situation damals Annette: Also damals war es so: Ich habe noch in der Klinik gearbeitet und ich war damals ein Mensch, der 150 % für seinen Job gegeben hat. Der jede Extrarunde mitgenommen hat, zu keiner Extraarbeit Nein gesagt hat. Der von sich selber gedacht hat, dass es keiner so gut machen kann wie ich – wenn ich dieses Unternehmen verlasse, dann bricht hier alles zusammen, dann läuft der Laden hier nicht mehr. Also ich war... ich habe diesen Job... dieser Job war mein Lebensinhalt. Ich habe mich so sehr über diesen Job definiert. Ich war süchtig nach der Bestätigung aus diesem Job, dass ich ja, wie gesagt, ganz, ganz stark abhängig davon war, wie es gelaufen ist, wie der Arbeitstag war. Das hat aber auch dazu geführt, dass ich sehr frustriert war, dass ich ausgelaugt war, dass ich natürlich einen Mega-Stress hatte, der zu einem guten Anteil selbstgemacht war oder hausgemacht war. Auch viel Druck verspürt habe, weil ich ja eben gedacht habe, ohne mich läuft der Laden hier nicht.

00:03:00: Das Gespräch mit dem Chef Annette: Und in dem Gespräch mit meinem Chef damals habe ich das einfach mal so auf den Tisch gepackt: meinen ganzen Frust und meinen ganzen Stress. Er hat wohl gleich gemerkt, da ist ziemlich viel Dampf dahinter und hat sich das also ganz ruhig angehört, was ich da so sage, und hat gemerkt, dass ich da also wirklich emotional auch mitgenommen bin. Ich saß jetzt nicht heulend vor ihm, aber ich war wirklich... da war Dampf dahinter. Ich hatte wirklich große Not in dem Moment. Und er hat sich das alles angehört und als ich fertig war, zuckte er dann so ganz lapidar mit der Schulter, schüttelte so ungläubig den Kopf und meinte nur: „Frau Szabó, das ist doch nur ein Job.“

00:03:52: Die Kränkung und der Schock Annette: Und dieser Satz zu diesem Moment, in der Verfassung, in der ich damals war, hat mich so sehr verletzt. Also das hat sich für mich angefühlt in dem Moment, wie wenn mir jetzt einer ins Gesicht schlägt oder ein Eimer eiskaltes Wasser über mir ausgießt. Ich wusste wirklich nicht, was ich darauf erwidern sollte. Für mich hat sich das nach absoluter Geringschätzung angehört. Ich sitze da völlig kaputt, weil ich mich aufgeopfert habe für diesen Job und nach Anerkennung gegiert habe – und der wischt das so auf die Seite, so ganz lapidar, und meint nur: „Es ist nur ein Job.“ Dieser Job war damals nicht nur ein Job, das war mein Leben. Und deswegen hat mich das so unfassbar verletzt und ich habe wirklich eine ganze Weile gebraucht, um diesen Satz oder dieses Gespräch zu verdauen und zu verstehen und ja, meine Lehren daraus zu ziehen.

00:05:05: Emotionale Arbeit im Gesundheitswesen Annette: Und es ist ja nun mal so: Wir arbeiten in einem Bereich, wo wir nicht wie Roboter arbeiten können. Wir arbeiten mit Menschen, wir selber sind Menschen, wir kriegen jeden Tag Geschichten zu hören, Schicksale mit, wir sehen Leid. Es ist einfach so, dass unsere Patienten auch Zuspruch brauchen und Mitgefühl, dass wir ihnen auf menschlicher Ebene begegnen müssen. Also wenn da jetzt ein Patient liegt, der einfach Angst hat, ist es natürlich klar wichtig, dass man mal die Hand nimmt und sagt: „Du, das wird schon“, oder ihm in die Augen guckt und ihm zu verstehen gibt: „Ich nehme dich wahr, ich sehe dich, ich bin da für dich.“ Zuversicht mitgibt. Das ist natürlich in diesem Job manchmal... lässt sich das nicht vermeiden und ist es auch wichtig. Ohne das wäre gute Behandlung gar nicht möglich.

00:06:40: Sachlichkeit vs. Herzlosigkeit Annette: Ich sage immer: Wir haben es glaube ich alle schon mal erlebt, wir waren... uns ging es nicht gut, wir waren bei irgendeinem Arzt oder Ärztin und man wird dann so ganz sachlich abgehandelt. Da fühlen wir uns ja auch nicht wohl, da kann sich glaube ich jeder hineinversetzen. Und das ist natürlich schon so, dass die Jobs im Gesundheitswesen es mit sich bringen, dass man auch emotionale Energie da reingibt. Menschlichkeit, Mitgefühl – das ist natürlich sehr, sehr wichtig. Und wenn dann natürlich jemand sagt: „Das ist ja nur ein Job“, das empfinden dann Menschen wie ich damals wirklich als herzlos, weil man selber ja so viel von sich gibt, von seiner Persönlichkeit, so viel Emotion da reinlegt und das alles mit ja, fast schon als Selbstaufgabe seinen Job erledigt.

00:07:34: Das Learning: Die verschiedenen Ebenen Annette: Was ich damals lernen musste, war einfach die Tatsache, dass es im Leben unterschiedliche Ebenen gibt und wir Beziehungen auf unterschiedlichen Ebenen führen. Da gibt es zum einen die private Ebene: die Beziehungen zu unseren Partnern, zu unseren Kindern, zu unserer Familie, zu unseren Freunden. Das sind alles Beziehungen im Privaten, die natürlich auf einer Emotion basieren. Ich liebe ja diese Menschen um mich herum und ich investiere in diese Beziehungen, weil ich möchte, dass sie lange halten, dass wir ein gutes Verhältnis haben. Im Privaten sind die Beziehungen einfach auf Basis von Emotionen.

00:08:24: Die Arbeit als professionelle Zweckgemeinschaft Annette: In der Arbeit – wenn wir jetzt mal die Arbeit und die Arbeitsbeziehungen oder die Beziehungen in der Arbeit einfach mal ganz sachlich betrachtet – dann sind das einfach professionelle Zweckgemeinschaften. Nichts anderes, aus, Ende. Da ist keine Emotion. Und die Basis für diese Zweckgemeinschaften auf Arbeitsebene ist ein Vertrag. Und in diesem Vertrag ist ganz klar geregelt: deine Zeit, deine Expertise gegen Geld. Ende. Keine Emotion. Und wenn es irgendwelche Gründe gibt, dann kann man diesen Vertrag kündigen, man kann ihn aufheben und dann geht man auseinander und fertig. Keine Emotion.

00:09:12: Die Befreiung durch Grenzen Annette: Und das musste ich damals lernen. Mein Chef, der das damals zu mir gesagt hat, der hat nicht meine Arbeit abgewertet. Er hat die Grenzen markiert. Indem er sagt: „Das ist nur ein Job“, nimmt er die Emotion raus und versucht es wieder auf eine ganz sachliche Ebene zu bringen. Natürlich, jetzt rückblickend finde ich nach wie vor, man hätte es kommunikativ ein bisschen anders lösen können. Aber egal! Letztendlich hat er einfach gemerkt: Da sitzt jemand vor mir, der emotional total aufgewühlt ist, der gerade keine Grenzen ziehen kann, sich selber nicht abgrenzen kann, und hat es auf eine ganz sachliche Ebene gebracht mit diesem einen Satz: „Es ist nur ein Job.“

00:10:04: Abgrenzung als Schutz vor Burnout Annette: Und wenn man, wie ich damals, diese Grenze einfach nicht ziehen kann, dann wird man emotional erpressbar. Dann ist es so, dass man natürlich zu keiner Anfrage, ob man länger bleiben kann, ob man noch mal irgendwie eine Extraarbeit aufnehmen kann, Nein sagen kann. Also ich bin nicht in der Lage, mein Arbeitsumfeld für mich zu gestalten, weil ich ja nicht mal Nein sagen kann. Und das gehört ja schon auch dazu: Abgrenzung. Es geht hier schlichtweg um Abgrenzung. Und die Menschen, die so vom Typ her sind wie ich damals, die brennen irgendwann aus, weil sie die Ebenen verschoben haben und ihren Job nicht mehr sachlich sehen und – so wie ich damals – auch keine Energie ins Private legen und da dann ihren Halt finden, ihren Ausgleich finden.

00:11:05: Mitleid vs. Mitgefühl & Expertise Annette: Also es schützt uns ja auch, dass wir uns abgrenzen vom Job. Das ist ganz, ganz wichtig. Und letztendlich ist es auch so, dass wir unsere Expertise auch gar nicht abrufen können und keine gute Behandlung durchführen können, wenn wir nicht professionelle Distanz wahren. Es gibt ja dieses Wort Mitleid und Mitgefühl. Mitleid impliziert ja: Ich leide mit. Also ich leide, es hat für mich negative Auswirkungen. Und ich sage immer: Mitleid hilft dem Patienten nicht. Mitgefühl und Expertise – das hilft dem Patienten.

00:11:53: Beispiel OP Annette: Also wenn ich jetzt im OP bin und mir ständig darüber Gedanken mache, was der jetzt für einen schlimmen Autounfall hatte, der Patient, der da jetzt liegt... das hilft ihm ja nicht. Sondern ich muss ja meinen Fokus darauf legen, die Fraktur zu versorgen. Und meine Energie dareinlegen, fokussiert zu arbeiten, im Team gut zu arbeiten, um diese Fraktur zu versorgen. Das ist das, was der Patient jetzt in dem Moment braucht. Mitleid hilft da keinem. Und das ist ja auch der Grund, warum Angehörige nicht selber mit am Tisch stehen sollten. Weil da wird man emotional, ja, weil das natürlich aus der privaten Ebene natürlich dann rüberschwappt. Da findet dann eine Vermischung statt und das ist nicht gut. Wir brauchen Sachlichkeit am Tisch oder in der Behandlung oder im Gespräch mit dem Patienten. Da hat Emotionalität, unser Innerstes, unsere private Ebene berührt, nichts zu suchen. Mitgefühl natürlich auf jeden Fall und Menschlichkeit. Aber man muss – oder ich musste lernen – mich da ganz deutlich abzugrenzen.

00:13:08: Fazit: Freiheit durch Gelassenheit Annette: Und der große positive Effekt aus diesem Learning war, dass ich für mich gemerkt habe irgendwann: Ich bin nicht mehr abhängig von Bestätigung aus diesem Job. Ich kann mutig für mich einstehen, ich kann Nein sagen, ich kann mich abgrenzen. Ich gehe nach Hause, erfreue mich an meiner Familie und gut ist. Aber ich bin nicht mehr abhängig davon, dass es gut läuft im Job, dass ich Bestätigung bekomme im Job. Und das macht uns frei. Und dann geht es uns besser. Und es ist wie überall im Leben: Es hilft einfach, wenn man sich selber nicht so ernst nimmt. Natürlich sollte man die Aufgabe immer ernst nehmen, fokussiert arbeiten und, und, und – das ist gar keine Frage. Aber man darf sich selber nicht zu ernst nehmen. Jeder ist austauschbar, auch in diesem System. Und mein Chef hatte damals – kann ich heute sagen, nach Jahren, wo ich mit diesem Satz gehadert habe – absolut recht: Es ist nur ein Job.

00:14:18: Abmoderation Annette: Das war also mein wichtigstes Learning: nämlich die Freiheit zu finden, dass es eben nur ein Job ist. Ich hoffe, dieser Perspektivwechsel gibt dir heute ein Stück Gelassenheit zurück. Probier es mal aus, wenn es das nächste Mal im System hakt und denk daran: Du bist mehr als deine Berufsbezeichnung. Wenn dir dieser Impuls gefallen hat, dann teile gerne diese Folge mit einem Kollegen, der sie vielleicht gerade brauchen könnte. Lasst mir ein Abo da und werdet vom Rädchen zum Gestalter. Ich bin Annette Szabó – wir hören uns nächste Woche wieder und bis dahin sage ich einfach: Ciao und danke fürs Zuhören!

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